Mrz 19 2021

Obdachlosigkeit – Gesellschaftsfähig? Nicht in Staaken

Zugezogene, Obdachlose und die Pandemie – seit 2020 ist die Gesellschaft in Deutschland mit diesen drei Problemen gleichzeitig konfrontiert.
Seit knapp sechs Jahren hat Deutschland einen Zuzug aus dem Ausland, wobei die zahlreichen Menschen angemessen untergebracht werden müssen. Dies führt unmittelbar
zu einem verschärften Wohnungsmangel in Deutschland. Bis Ende 2018 ist aus der Statistik von der BAG Wohnungslosenhilfe e.V. zu entnehmen, dass die Anzahl von Wohnungslosen auf 1,2 Millionen gestiegen ist.
Wenn wir die Augen öffnen, sehen wir sie: Unter der Brücke, in der Bahn, auf der Bank
im Park … jetzt auch ohne Maske in der Pandemie.
7:30 Uhr: Im Berufsverkehr. Ich fahre zum Büro. Die Bahn ist relativ voll von Berufstätigen. Die Obdachlosen wandern in der Bahn und betteln um Geld, manche bedecken
den Mund und die Nase mit einem Stück Stoff, manche nicht. Eine wesentliche Technik
des Bettelns ist aber, die Leute anzusprechen. Auch wenn der Geruch noch zu ertragen
ist, ist die Übertragung des Virus durch Tröpfcheninfektion vom Speichel zu befürchten.
Ich fliehe zu einem anderen Wagon.
9:00 Uhr: Auf Arbeit. Die Zugezogenen brauchen Hilfe und Beratung. Sie sprechen überwiegend kein Deutsch. Wie viele andere Einwohner in unserer Gesellschaft werden
sie auch von den Vermietern eingeschüchtert, mit Kündigung bedroht und ausgenommen, ob es rechtens ist oder nicht. 19:00 Uhr: Auf dem Heimweg. Es sind nun weniger Leute in der Bahn. Ich suche mir einen Sitz aus, der relativ sauber aussieht, ohne Urin oder Alkohol oder andere Flüssigkeiten auf dem Boden und mit Abstand zu anderen Fahrgästen. Ich setze mich hin und
lese etwas. Dann setzt sich mir gegenüber ein Herr auf den Sitz hin, seine FPP2-Maske
unter seiner Nase tragend. Nach einer kurzen Weile steckt er seine Hand vorn tief in
seine Hose hinein. Ich fliehe zu einem weit entfernten Wagon.
22:00 Uhr: Zu Hause. Eine Freundin schreibt mir aus der Bahn, dass die Obdachlosen
auf den Sitzen in der Bahn schlafen. Aus Angst vermeide ich es auch allgemein, zu dieser Uhrzeit noch mit der Bahn zu fahren.
23:00 Uhr. Ich hoffe, dass ich den morgigen Tag anders erlebe, dass ich morgen nicht
„fliehen“ muss, denn wir haben in meinem Heimatland China keine Obdachlosen. Unser Geschäftsführer Herr Troschitz ist gegen Obdachlosigkeit und will dies abschaffen.
Die Menschen brauchen ein Dach über dem Kopf, zumindest nachts, jedoch wünschenswert auch am Tag.
– eine chinesische Mitarbeiterin des Spandauer Mietervereins e.V.
„Wie breit muss eigentlich Armut sein, um als verbreitetes Elend anerkannt zu werden?“
Norbert BlümPresseinformation 01_2021

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